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19.

In der kühlen Luft eines Renaissancesaales, erfüllt von verwöhnter Kunst, von dem schmeichelnden Parfüm modischer Launen, saß Jan, der Wanderer, von Silber umklirrt, an üppiger Tafel. Köstlicher Wein funkelte bei dem Mahl zu dreien aus den hohen Kelchen. Jan, der Dunkle, war liebenswürdig, begrüßte seinen Doppelgänger, als ob nichts sich vollzogen hätte, fragte nur kurz und scharf, ob er sich in den letzten Monaten mit Politik beschäftigt habe. Jan verneinte und fügte hinzu, daß er in Rußland gewesen sei.

»Die Führer dieses Aufstandes gegen die Bolschewiken sind tot«, sagte Jan der Dunkle trocken. »Es war ein kurzfristiges Geschäft, das langandauernde gute Gewinne ausschloß.«

Abschätzend, überlegen tropften diese Worte auf Jan, den Wanderer.

Jan der Dunkle war nicht aufdringlich. Nach allgemeinen Redensarten zog er sich bald zurück. Geräuschlos schloß sich die schwere Türe hinter ihm.

Lange war Schweigen zwischen Yvonne und Jan van Kerken. Zeitlos, sonderbar gelöst und durch diesen eigenartigen Haushalt irgendwie mit diesen Menschen verbunden, fühlte Jan eine leichte Ermüdung.

Mochten beide auch die Lippen geschlossen und: die Augen gesenkt halten, der Rotwein zitterte doch auf den Oberflächen der Kelchgläser, da der Pulsschlag der auf dem Tische liegenden Hände ungestüme Hast, Leidenschaft und Erwartung pochte.

»Jan«, sagte Yvonne mit einem leichten Zithern in der Stimme, »wenn du dich doch entschließen könntest, mich ein klein wenig lieb zu haben. Ist es denn so schwer, ist dies so viel, daß du es nicht gewähren kannst? Schon einige gute Worte genügen. Immer war mein Eigensinn stärker als ich. Begreife das doch! War es denn so abscheulich, was ich dir antat, daß du dich für immer fortwenden mußt? War unser Kampf mit allen Mitteln gegen einander nicht eines Besseren würdig? Ich weiß, du kannst doch mehr als jener, der eben die Türe hinter sich schloß. Du machst dich nicht gemein wie er ...«

Jan schwieg beharrlich.

»So sage wenigstens, was du vorhast«, drang Yvonne in ihn. »Ob du reisen willst oder hier bleibst.«

Jan rang mit sich.

Wenn er alles im Zorn weit von sich fortwarf, war die Reise unsinnig.

»Ich gab mir keine besondere Rechenschaft, als ich herunterfuhr«, sagte er langsam. »Ich hatte irgendwie das Gefühl, es müsse zwischen uns alles ins Reine kommen. Deshalb wollte ich meine Freiheit von dir erbitten. Ohne sie hat mir die Welt keinen Sinn. Du weigerst dich, so muß ich wohl in Rom bleiben. Mich führen keine Geschäfte hierher. Ich werde also meine Tage mit irgend etwas ausfüllen müssen. Vielleicht können wir plaudern? Vielleicht willst du mir Rom zeigen? Ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ich dann lieber für mich allein eine Wohnung habe. Ich war es wohl immer so gewöhnt und man soll seine Gewohnheiten achten.«

»Wie du willst«, sagte Yvonne. »Ich freue mich auf unsere gemeinsamen Gänge. Ich hätte mich wohl verrechnet, wenn nicht schon längst in dir ein neues Abenteuer lauerte, das nur erlöst werden will. Du hast eine große Gabe, lieber Jan, du bist ein großer Dreimaster, der auch ohne Wind davonsegelt.«

Bei diesen Worten verzerrte sich ihr Gesicht, wurde blaß und unschön.

Die Augen stachen und lauerten ...

Jan erhob sich leicht, reichte ihr liebenswürdig die Hand, verließ sie und ging in sein bescheidenes Hotel zurück.

Seit diesem ereignisvollen Abend machten sie zusammen gemeinsame Spaziergänge, durchwanderten geheimnisvolle Stätten der Vergangenheit, tauchten im Trubel der Weltstadt Rom unter und lebten zwischen Museen, Kirchen, Palästen, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein sonderbares wurzelloses Dasein, so schemenhaft, das keines ein Wort darüber zu verlieren wagte.

Ein wenig verband sie nach und nach gemeinsames Interesse, Ungekanntes zu erforschen. Es war wie eine Art gegenseitiges Zutrauen, das von beiden Besitz ergriff und ihre Seelen täuschte, obwohl ihre Herzen kalt blieben.

Jan machte sich die fremde Welt zu eigen, aber er tat dies alles wie ein Träumender, der gar keine Empfänglichkeit für das, was ihn umgibt, haben will.

Dazwischen grollte in ihm immer wieder jenes harte Wort Yvonnes auf, das ihre wahren Absichten enthüllte. »Du gingst«, hatte sie gesagt, »über ein kleines Mädchen hinweg. Jetzt will ich einen Pinscher haben, mit dem ich spiele.«

Am Tage vorher hatten sie die Schauer des Pantheons, die Märtyrerglorie uralter römischer Kirchen mit leisen Gedanken an ewige, unergründliche Gesetze erfüllt. Nun sollte der nächste Tag wieder Neues bringen.

Yvonne wandte sich bittend an Jan: Morgen sehen wir uns die Katakomben an, nicht die des Callistus. Jedermann geht dorthin, und es gibt auch langweilige Führer, die mit ihrem einsilbigen Geplapper jede Stimmung erschlagen. Ich habe mir etwas anderes ausgedacht. Ich weiß eine Katakombe, die mir ein uralter Italiener verraten hat. Man muß dort mit Fackeln eindringen, und ich stelle mir das ungeheuer romantisch vor ...«

Jan sah Yvonne nachdenklich an. Führte sie wieder etwas im Schilde? Sollte er neuerdings überrumpelt werden?

»Ich weiß, was du denkst«, sagte Yvonne und sah in ein zweifelndes, grämliches Gesicht. »Aber tröste dich. Da unten wird nicht noch einmal geheiratet ...«

Sie fand, daß sie einen prächtigen Witz gemacht hatte und lachte schallend. Herausfordernd, herrisch, selbstbewußt blitzten ihre dunklen Augen und das blauschwarze Haar umrahmte kraus und trotzig ihr sieghaftes junges Frauengesicht.

In den Mittagsstunden fuhren sie hinaus vor die Stadt. Das Auto fauchte grotesk und stilstörend ein Stück Weges auf der Via appia.

Jan hatte einen Bund Wachsfackeln unter dem Arm und sah beinahe aus wie der Diener eines Hockeyklubs, wenn er das Gerät diensteifrig zum Sportplatz trägt, als er unter der Führung von Yvonne von der Straße in das seitliche Gräberfeld abbog. Ein verwitterter, roh ornamentierter Marmorblock verdeckte ein eingebrochenes Gewölbe.

Sie waren am Ziel.

Yvonne zeigte Entdeckerfreude.

Jan van Kerken entzündete eine der Fackeln, deren Flammen im Lichte des Tages nur durch den Rauch, der sie hell umwölkte, kenntlich war. Sie hüllten sich in Mäntel. Yvonne schritt voran, nachdem sie, über eine schmale Schutthalde hinabgleitend, auf der Sohle des Ganges festen Boden gewonnen hatte. Endlos führte der Gang vorwärts. Bald ging es schräg bergan, bald wieder in die Tiefe.

Vollkommenes Dunkel umschloß sie. Manchmal hallten die Schritte oder die Stimmen nach, zuweilen schluckte der Stein jeden Laut. Uralte, gegossene Grabtafeln lagen am Boden oder hingen halb zerschlagen an der Wand. Halb geöffnete Sarkophage zeigten Totengebein. Dann wieder gab es Gänge, in denen unzählige Nischen wie langgestreckte schwarze, wenig hohe Rechtecke aus dem Felsen heraustrauerten und Schwermut verbreiteten, als seien die Märtyrer, das Volk der Tausende, das hier letzte Zuflucht gesucht hatte, nicht schon seit Jahrhunderten ins Wesenlose, Unfaßbare geschritten.

Da und dort weitete sich, durch viele Kreuz- und Quergänge geschützt, ein Raum kirchenartig. Manchmal fiel von oben irgend woher dämmerndes Licht ein, und mehrfache runde Spannbögen, wie Joche zwischen der schmalen Schlucht der Totenschächte stehend, schienen wie versteinerte Skorpione mit aufgespreiteten Scheren frei zu hängen. Oft blieben Yvonne und Jan stehen und suchten alte Inschriften zu enträtseln. Dann wieder leuchteten sie alte Symbole des Fisches, der Taube und des Hirten, hinter denen sich das Christentum in Zeiten tausendfältigen Todes verborgen hatte, mit den Fackeln an.

Zeitlos wanderten sie unter der Erde, zeitlos waren ihre Gedanken.

Leises Rauschen drang aus dem Dunkel eines hochgewölbten Ganges gerade gegen sie her.

Jan horchte auf.

Yvonne war neugierig, witterte ungeahnte Sensationen, bewog Jan, dorthin abzubiegen.

Yvonne sah Jan zaudern und deutete es falsch.

»Gib mir die Fackel, wenn dir unbehaglich ist«, sagte sie mit leiser Herausforderung.

Jan wehrte ab. Während sie ungeduldig vor ihm hertrippelte, war sein Blick starr auf den Boden des Ganges gerichtet.

Was er gefürchtet hatte, bestätigte sich.

Sie standen an einem schwarzen Schachte. Im leichten Fall kam Wasser, das im Lichte der Fackel aufblitzte, mit einem rauschenden Schleier von der Höhe des Gewölbes und verschwand unten in der Finsternis, wo es einen natürlichen Abfluß in das Innere der Erde haben mußte.

»Die Kaskade der Toten«, dachte er fröstelnd.

Eine finstere Gewalt tastete Jan plötzlich an.

In seinen Augen sprangen Wolfslichter. Die Hand krallte sich. Er stieß die Fackel gegen den Boden, daß sie verlöschte, packte mit beiden Händen Yvonne und stieß sie vorwärts.

Einen erstickten, entsetzten Schrei hörte er, kurz abgerissen wie ein zweiunddreißigstel Akkord, der in eine lange Pause stürzt.

Dann war wieder Finsternis um ihn.

Weder ein haltendes, noch ein drängendes Gefühl, Leere, Ruhe war in ihm. Nichts schrie »schuldig«, nichts »Sieg«.

Jeder Nerv an ihm wurde zum Ohr und lauschte.

Nichts war hörbar. Hier war das kalte, eisigkalte Herz der Erde, die Totes mütterlich oder auch mit den Krallen der ewigen Hyäne packte und festhielt, einerlei, wie es gefahren, getragen oder gestoßen wurde. Hier war die Ewigkeit eine greifbare Realität, ein Faktor, nicht dunstvoll phrasenüberleiert wie in einem frommen Buch.

Jan bückte sich, griff nach dem Rest des Fackelbündels und tastete lange im Dunkeln in der Richtung fort, aus der er mit Yvonne gekommen war.

Erst als jede Nachfolge, jede Möglichkeit der Wiederbegegnung ausgeschlossen erschien, tastete er mit eiskalten, zitternden Fingern nach Streichhölzern in seiner Tasche und entzündete den leicht angefeuchteten Fackelstumpf umständlich.

War es Schuld, was auf ihm lastete? War Raub der Seele nicht schlimmer als Mord und Totschlag? War Sklaverei inmitten von Gesetz und Ordnung am hellen Tage nicht Frevel, an ihm begangen?

Dennoch, es war kein Werk der Finsternis, aus der Finsternis des Herzens geschehen, das nicht verständlich gemacht werden konnte, das mit einer neuen, unübersteiglichen Mauer abschloß von der Welt der Lebenden und ihn in die Vorhölle der Lebendigtoten hinüberzwang.

Jan stand still. Gerade weil seine Gedanken mehr und mehr verwirrt wurden, wandte sich sein gewohnheitsmäßiges, natürliches Denken der Wirklichkeit zu.

Er erkannte, daß er den Ausgang nicht finden würde und stellte dies mit sachlicher Ruhe fest. Ja, er empfand sogar Freude darüber, nicht allein an der Stelle auftauchen zu müssen, wo zwei hinabgestiegen waren. Er überzählte seinen Vorrat an Wachsfackeln, berechnete die Brenndauer, suchte über das System der Gänge Klarheit zu gewinnen und irrte dennoch stundenlang in dieser gespenstischen Unterwelt umher. Er mußte sich jetzt in einer ganz anderen Gegend befinden, denn er war vom Laufen müde.

Plötzlich erfaßte er die zentrale Lage eines neuen Mittelpunktes, hielt auf ihn zu, durchquerte ihn und suchte schräg und über Stufen nach oben steigend den Ausweg.

Auch dies währte lang.

Dann blies ihn ein frischer Luftzug an wie der Hauch eines Lebenden. Er löschte die Fackel, ging ihm nach, sah einen Stern hell leuchten, verdeckt durch die unruhigen Schattenfetzen eines Baumes und gewann vollkommen erschöpft das Freie.

Mit leisem Stöhnen ließ er sich auf einen Quader fallen, der losgebrochen in der Vegetation des Bodens vernarbte. Da schreckten ihn dunkle Schatten von Menschen mächtig auf. Es war ein Liebespaar, das sich fürchtete.

Jan sah nur den Feind, den großen Ankläger.

Gehetzt mit starrem Auge trachtete er vorwärts, jagte die nächtliche Straße gegen ein Lichtmeer zu, das Rom andeutete, marschierte sinnlos, denn im Genick saß ihm wie eine Harpyie, mit tausend Krallen sich festhaltend, die Schuld. Vorsichtig brachte Jan sich in einer Spelunke in Ordnung und suchte auf vielen Umwegen sein bescheidenes Hotel.

Wie ein Sack plumpste er auf sein Lager und schlief. Auf seiner Brust aber kauerte wie ein Nachtmahr die Last der Schuld und hetzte ihn durch Höllen. Mit dumpfen Gedanken wachte er am anderen Morgen auf. Er überschlug, daß er unbemerkt das Haus betreten habe und ging mit kurzen Schritten in Gedanken durch alle die Sackgassen und gemeinen Pfade, die ein Verbrecher schleicht, der sich vor Verfolgung deckt.

Jan erwog rasche Flucht, fand dies aber zu auffallend und seine Sicherheit wieder darin, daß ihn niemand gesehen hatte. Außerdem mußte Jan der andere von selbst in Bewegung kommen. Es war besser, ihm in Rom selbst Widerstand zu leisten, als durch Flucht Beweisrechte aus der Hand zu geben, die man sich im Kampfe nicht entreißen lassen durfte.

Auf Jan den anderen wartete Jan der Wanderer.

Nichts zeigte sich. Trotzdem verließ er sein Hotel nicht und stand unter dem unablässigen Ansturm seiner Angst und seines Gewissens.

Vielleicht kam der andere überhaupt nicht, konnte es nicht für ratsam halten, eine Verfolgung in Gang zu bringen, die auch auf ihn das Scheinwerferlicht der Kriminaljustiz werfen konnte. Tag für Tag sah Jan den Stundenzeiger um seinen vorgeschriebenen Kreis kriechen.

Schließlich siegte der Mensch in ihm, jener animalische Mensch, der, aus ganz primitiven Bedürfnissen zusammengesetzt, seinen Lebensfunktionen gehorsam und ihnen ohne Hoffnung auf Besseres, ohne Rücksicht auf Gefahr und Verderben verfangen ist.

Jan wählte einen anderen Anzug, kleidete sich sorgfältig und ging im Schutze der Dämmerung auf die lebendige Straße hinunter, die erfüllt war vom Murmeln der Menschen und dem sinnlosen, ekstatischen Lärm der von Südländern bewegten Mechanik des Weltstadtverkehrs.

Seine Bank hatte noch geöffnet. Er hob einen beträchtlichen Teil seines Kontos ab und atmete auf, weil er es nicht gesperrt fand. Nirgends ein Kriminalbeamter in der Maske eines Beamten oder verspäteten Besuchers. Kein Glockenzeichen für den Türhüter schrillte, die Windmühlen der Türen zu schließen. Alltäglichkeit umgab und ernüchterte ihn. Seine Gedanken fingen an, sich jenseits der Finsternisse zu regen.

Jan betrat ein gutes Hotel und aß einsam zu Abend. Zeitig brach er auf und zog durch das Gewirr der Gassen nach seinem Hotel zurück.

Langsam erklomm er die Treppen.

Es schien ihm, als ob das Schloß seiner Türe nicht ganz in Ordnung sei. Der Schlüssel ließ sich zweimal umdrehen. Aber seltsamerweise sackte er nach jeder Umdrehung etwas nach der Vertikalen hinunter.

Unschlüssig blieb er stehen.

War die Polizei im Hause? Hatte man bereits seine Habseligkeiten durchsucht? Fahndete man gar von Berlin aus nach ihm? Unternahm Jan der andere Schritte?

Jan van Kerken trat leicht einige Schritte auf den Teppich des Korridors zurück und schloß für Sekunden die Augen.

Wie in einem schönen unerreichbaren Traumbild sah er Thea vor sich, wie ein Falter mit nur einer Schwinge hing ihr Boot, vom frischen Winde vorwärtsgetrieben über der blauen Fläche der windbewegten Havelseen und fuhr weit weg in ein Land, das erst einem anderen Leben erreichbar war, wenn nicht Kindheitsglaube und die Hirnarbeit aller Philosophen trog.

Flucht hatte keinen Zweck, belastete nur, lieferte Indizien.

Deshalb öffnete Jan die Türe, schaltete das Licht an und sah, daß sein Zimmer in Unordnung war. Schränke waren durchsucht, doch schien nichts zu fehlen.

Mit einem Male durchzuckte ihn ein Gedanke. Er zerrte einen kleinen Handkoffer aus der Tiefe des doppeltürigen Schrankes, atmete erleichtert auf, weil er ihn verschlossen fand.

Rasch nahm er den Vexierschlüssel aus seiner Tasche, sperrte auf, sah und erschrak. Paß und sämtliche Ausweispapiere waren verschwunden. Er wollte nicht begreifen und starrte in diese Lücke, griff teilnahmslos hinein, wühlte und zog heraus, was er übersehen hatte, eine kleine gefällige Visitkarte:

»Yvonne Snider«.

Mächtige Erschütterung durchwühlte Jan. Er lieferte keine schwächliche Theaterfigur, schmachtete auf keinem Stuhl.

Starren Blickes erwog er, was geschehen war. Yvonne hatte auf irgend einem abenteuerlichen Weg die Freiheit gefunden, war ihrer Glieder mächtig, triumphierte mit diesem Beweis über seinen verfehlten Anschlag. Sein internationales Anrecht auf Existenz stürzte zusammen. Das künstliche Gebäude seiner Persönlichkeit lag in Trümmern.

Wer war man nun? Jan Traberg war für tot erklärt, Jan van Kerken gestohlen. Irgend ein Herr »Namenlos« blieb. Meldete er den Verlust seiner Papiere, so war Yvonne toll genug, zu sprechen. Dann konnte er, wie das in Italien Sitte ist, in einem richtigen Raubtierkäfig wegen versuchten Mordes oder Totschlages durch die Stäbe vor den Geschworenen sein zerbrochenes Lebenslied herunterleiern.

Yvonne wußte: Jan würde es nicht wagen können, sich wieder in irgend jemanden zu verwandeln. Baute er sich ein neues Leben, so lief er an der schleppenden Kette der Bigamie. So stark war die Formel aus einigen Worten. Hielt er sich jetzt mit Zaudern auf, so faßte ihn die Polizei. Mit welchen Papieren sollte er sich anmelden? Seine Persönlichkeit schrumpfte in ein geheimnisvolles, unbekanntes Nichts zusammen, in das jeder Polizist beförderungsbeflissen wißbegierig hineinleuchten würde.

Sollte er sich selbst einen gefälschten Paß zulegen, nochmals sich an einer neuen Kette wund scheuern, nochmals bis an die Grenzen des Mordanschlages um sich selbst ringen?

Es gab nur eines, die Flucht ins Ungewisse.

Jan van Kerken schloß die Augen.

Ihm war, als warteten die holländischen Gefängnisse auf ihn. Gab es hinter ihren Mauern Lebensmöglichkeit, bürgerliche Ehre, Seßhaftigkeit?

Heftige rasche Schritte auf dem teppichbelegten Korridor störten ihn auf. Sie galten nicht ihm, aber sie beschleunigten sein Vorhaben. Jan packte die Koffer, holte am nächsten Morgen den Rest seines Bankguthabens und fing an, mit dem Schnellzug nach Norden zu rasen.

*

Mit höchstem Stundentempo glitt der D-Zug um den Bogen des Arno nach Florenz, durchbrach das im Neuschnee glänzende Gebirge der Apeninnen, eilte längs der Fluten des Reno nach Bologna und schob sich fauchend über Modena durch die Poebene nach Verona.

Jan trieb die Angst.

In Verona verließ er den D-Zug und fuhr mit dem Postzug etschaufwärts durch trauerndes Land, dem italienischer Wahnsinn Sprache und Volkstum aus der Seele reißen wollte. Wortkarg stiegen die Bauern ein und aus. Leidverhängt und mißtrauisch prüften ihn ihre Augen und da sie ihn tief vom Leide umwölkt sahen, ließen sie ihn wortlos als ihresgleichen gelten.

In Sterzing verließ Jan den Zug. Er war nicht besonders gerüstet. Vor ihm lag der verschneite Wall der Oetztaler und Stubaier Alpen.

Hartnäckig verfolgte er seinen Plan, die Grenze ohne Paß zu überschreiten und sich nach Deutschland hineintreiben zu lassen, zu dem, was geschehen mußte, damit er wieder ein Mensch wurde, der unter Seinesgleichen friedliche, ungefährdete Tage durchleben durfte.

Abseits der Hauptstraße auf unwegsamen Steigen arbeitete sich Jan van Kerken empor. Ohne Bergausrüstung ging er an das Unternehmen und vertraute allein auf seine zähe Natur. Mit jedem hundert Meter, das er gewonnen hatte, stieg seine Siegeszuversicht. Der Schnee hielt den Tritt nicht immer, aber je tiefer Jan einsank, desto hartnäckiger kämpfte er. Außer seinen Barmitteln hatte er in der ersten Dickung des Holzes alles Lästige zurückgelassen. Jetzt riß er sich einen Knüppel aus den Bäumen und stieg in Nebel und Wolken empor.

Als er wie aus einer Turmlucke unter den Glocken auf den Talboden von einem Felsvorsprung hinuntersah, wurde ihm das Herz leicht. Ueber Schneefelder zwang er sich hinauf, Felsgrate umging er. Dann sah er auf Gletscher und Firn hinunter und wußte nichts von Ermüdung.

Zeitlos wanderte er im Zeitlosen.

Warm wurde es um ihn. Die Kälte sank zurück.

Schon hatte Jan den Kamm hinter sich und war bemüht, durch eine mächtige Rinne talab zu kommen. Da fing der Schnee an zu kleben.

Jeder Schritt wurde festgehalten, jede Bewegung im Ansatz gelähmt. Es war, als ob die Bergflanken Reihen von unzähligen Saugnäpfen hätten wie Arme eines Polypen, der selbst ruhig liegt und mit den Fängen spielend, seine Opfer sucht.

In tiefen violetten Farben fingen die Nebelwände an zu glänzen.

Hunger und Müdigkeit fuhren Jan in den Gliedern hoch. Hart und in steiler Höhe aufgeschichtet standen die felsgewordenen, schräggelagerten Zuckungen des Urgesteins.

Warme Stille legte sich um Jan, hielt ihn fest, lud zum Verweilen ein.

Dann fing es an, seltsam volltönend aus unbekannten Fernen zu orgeln und zu dröhnen. Rasend drehte sich das violette Gewölk um sich selbst.

Ueberhängende Schneewächten brachen nieder und ihre donnernden Brocken verzuckten in Lawinen. Bäche sprangen auf, Schnee verfirnte zu Eis.

Die Hölle des Südens, der Wüstenwind, der über das Meer pirscht und an den Kämmen der Tiroler Berge sich staute, war im Rasen.

Erschöpft kauerte sich Jan in eine Mulde, krümmte sich im Sturme zusammen, barg das Gesicht gegen die Knie und wußte: Jetzt kommt es, das große Unaussprechliche, vor dem ich mich immer geängstigt habe, das ich gleichgültig so oft suchte und dem ich wissend feige noch öfter entronnen bin. »Jetzt kommt es«, so betete seine Seele, »das große Unnahbare. Die mächtige Pforte wird aufgetan zu sehen was dahinter ist. Der ewige Weg wird aufgezeigt zu sehen, ob es ein ewiger Irrweg ist ...«

Der Föhn heulte dazwischen. Schneefall setzte ein. Bald fiel er nicht mehr, kam gewirbelt, geströmt aus tausend kleinen Felsenzacken und Scharten. Zu neuen Wällen und Hügeln wurde er emporgetragen.

Dichter und immer dichter legte er sich um Jan. Lebensangst überfiel ihn, letzte Hoffnung.

Er betete zu dem, was er in der Stunde des entsetzlichen Schauens als Gott und Gottesbegriff erfühlte, er betete:

Lieber Gott! Ich will glauben, daß du das Gute nicht umsonst in die Welt gestellt hast. Ich will heimgehen und büßen, was ich gefehlt habe. Ich will nicht abkehren von meinem Wege und einen neuen finden ...

Aber schon war das Schwache in ihm da und betete dagegen: Lieber Gott, ich bin ein kleines müdes Blatt, das der Sturm vorzeitig über die Welt gewirbelt hat. Lasse mich heimkehren ... Müde senkte sich sein Kopf ...

Aus den Felsenscharten über ihm spie der Sturm die Schneewirbel. Nichts war sichtbar als ein weißgeflecktes Hinwuchten von Eiskristallen zwischen heulendem Sturm. Jan träumte ... Kindheit – feige Flucht vor sich selbst – unendliches Rasen durch die Welt, einen Kilometer nach dem anderen. Er lächelte vor sich hin. Thea war da und bescheidenes Glück ... Er schrie traumverloren auf ... Durch die Katakomben irrte er. Jede Märtyrertafel las er ab. Dann war Licht da, viel Licht ... Jetzt war er bei seiner Arbeit für die Freiheit der Bedrückten und eine Stimme dröhnte in ihm: »Kann der Schwächling sich vermessen, Heldenwerk zu tun? Sollen die Halben führen? Die Satten opfern? Die Kleingläubigen Wunder wirken?« ...

Sturm heulte um ihn. Der Schnee deckte ihn bis zum Halse. Schwer atmete er und schlief. In wenigen Minuten übersah er sein ganzes Leben. Stein für Stein, Pforte für Pforte und dazwischen winzige Oasen voll Seligkeit und Lebensgewinn.

Aus Nebelschleiern sah er eine Hand sich emporrecken. Zwischen drei zusammengepreßten Fingern hielt sie etwas wie ein Winziges, Leuchtendes: Theas Bild.

Dieses Kleine und Winzige war das Einzige, wofür er echt und rein gelebt hatte, wofür eine Mutter ihn großgezogen, ein wüstes Schicksal ihn endlose Treppen gehetzt hatte ... Eine große Helle tat sich vor ihm auf ... Er versuchte aufzustehen und stolperte, diesen kleinen Demant in der Brust, in eine ungeheure Helle, die von ihm selbst auszugehen schien. Orgeln hörte er tönen ...

Die Posaunenstöße des Sturmes dröhnten über eine glatte weiße Fläche aus der nichts mehr hervorragte, nichts sichtbar war.

Unter dieser reinen weißen Fläche siechte der Mensch »Namenlos« dahin an tausend Kleinigkeiten, Leichtsinnigkeiten, Unfähigkeiten und Widrigkeiten einer alltäglichen Lebenskultur.

Unerbittlich sah das in Felsenbänder gepreßte Leid des Urgesteins aus den wehenden Sturmfetzen der Wolken hernieder.

Jahn stöhnte unter dem Schnee.

Warum machte er seine Lider nicht auf wie damals, als auf dem Schiffe zwei Menschen sich über ihn beugten und ihn mit »Hallo und gutem Wind« einen neuen Lebensweg schickten? Warum rührte es sich nicht mehr in ihm, auch als Schwächling mit den Elementen zu kämpfen? Die Posaunenstöße des Sturmes gaben Antwort: Erfüllt ist das Gesetz, erfüllt der Kreis des Lebens.

Furchtbar blies dieses Lied eiserner Weltbestimmung um die Felszacken.

Der Föhn ließ nach.

Kurze Sicht war gewährt.

Das Feld zwischen den Gipfeln ist weiß und hoch. Ein Mensch liegt eingeweht ...

In grauen Mänteln arbeitete sich eine österreichische Grenzpatrouille über das Firnfeld. Vorsichtig umgingen sie jede gefährliche Senkung, achteten sorgsam auf den lauernden Tod unter der weißen Decke.

Plötzlich zuckte der Führer zusammen. Der Dorn seines Pickels war in etwas Weiches eingefahren.

Nur wenige Zentimeter überschneit lag ein hilfloser Mensch. Er gab kein Lebenszeichen. In seinen Taschen fand sich kein Paß oder irgend ein Anhaltspunkt, wer er sei. Nur eine große Geldsumme.

Mißtrauisch umstanden sie ihn.

»Mensch ist Mensch«, sagte der Führer einfach. Erst müssen wir ihn wieder am Leben haben. Dann wird sich zeigen, wer er ist. Es sieht aus, als ob er auf der Flucht gewesen wäre. So hilflos wagt sich kein Tourist über die Gletscher.«

Sie knieten sich um ihn, machten Wiederbelebungsversuche, rieben ihn mit Firnschnee ab, bewegten die Arme zur künstlichen Atmung und ließen von ihm nicht ab, bis er durch tiefes Seufzen ein Lebenszeichen gab. Dann richteten sie ihn auf, gaben ihm Kognak.

Jan war schon in einer anderen Welt gewesen, hoch hinaus über Firne und Klippen des menschlichen Schicksals, ausgesöhnt mit seinem durchstrichenen Lebensbuch.

Nun tat er langsam in Gedanken einen kleinen Schritt vor den andern wieder in die Welt zurück. Diese Schritte schmerzten ihn, denn sein Impuls war immer Flucht vor allen unangenehmen Dingen. Diese Flucht war vielleicht sein einziger Lebenszweck gewesen.

Jan hielt die Grenzpatrouille bereits für seine Verfolger und gab sich in ihre Hände wie ein Gefangener.

Wortkarg richtete ihn der Führer auf. Andere stützten ihn und langsam gingen sie in der Geschlossenheit einer Sicherheitskolonne über das Firnfeld hinunter durch die Felsen. Immer tiefer kamen sie. Immer höher türmten sich die neuen Lebenssorgen vor Jan Traberg.

Die kleinen Firnadern fingen an, in Bächen zu rauschen. Die Bäume schlossen sich zu Wäldern zusammen. Einsam lag das Wachhaus, das Jan Traberg aufnahm.

Man gab ihm eine warme Mahlzeit. Jan würgte sie hinunter und spürte schon die primitive Kost der Gefängnisse auf seiner verwöhnten Zunge. Als er fertig war, warteten die anderen, daß er spräche. Kurz und knapp kamen die Fragen, als er sich ausschwieg und dann mit einem kurzen Dank an seine Retter und einem abgelehnten Geldanerbieten durch die Türe ins Freie wollte, um seine Flucht vor sich selbst fortzusetzen ...

Ein Grenzwächter vertrat ihm den Weg.

»Wer sind Sie?« sprach der Führer. »Wir stellten fest, daß Sie ein Vermögen mit sich schleppen, aber keine Personalausweise. Alles fehlt.«

»Sie haben recht«, erwiderte Jan Traberg. »Meine Papiere sind mir abhanden gekommen.« Er spürte, daß von seinen Antworten die Gestaltung seines weiteren Lebens, ja die Möglichkeit hierzu, abhängen könnte. Aber noch immer nicht wollte er Jan Traberg, der betrügerische Spieler von Ostende sein.

»Wie heißen Sie?« zerschnitt die Frage des Beamten seine Ueberlegung.

»Jan van Kerken«, erwiderte er, gab seinen zugeschobenen Heimatort, seine Personalien und glaubte nun seiner Wege gehen zu können.

»Sie sind ohne Papiere«, sagte der Führer. »Wir müssen erst feststellen, ob Ihre Angaben richtig sind. Da Sie keinen Paß besitzen, sind Sie ohnehin schon wegen Paßvergehens unser Gefangener. Wenn Sie wollen, können Sie noch eine weitere Frage beantworten.«

Jan bejahte.

»Gehört Ihnen diese große Geldsumme, die Sie mit sich führen?«

Jan bejahte, sagte, daß er gewohnt sei, seinen Besitz mit sich zu führen.

Die Antwort befriedigte nicht. Jan Traberg hatte Gelegenheit, in der Zelle des Wachhauses darüber nachzudenken.

Neue Schicksale, diesmal unerbittlich und entgültig, wuchsen feindlich gegen ihn herauf. Er konnte sich weder über seinen Namen ausweisen, noch über seinen Besitz, und war jeder Laune des Zufalls ausgeliefert. Der Draht spielte nach Italien hinüber. Die Polizeizentrale in Rom übernahm die Nachforschung. Jans Spur war viel leichter zu finden, als er selbst angenommen hatte.

Nun kamen die Trümpfe des Mannes, dessen Nationale ihm von Schmugglern seinerzeit geschenkt worden war. Die römische Polizei meldete zurück: »Jan van Kerken lebe in guten Verhältnissen in Rom und vermisse eine bedeutende Summe, deren Höhe er nicht genau feststellen könne. Wenn der Fremde, den man in den Tiroler Hochalpen gestellt habe, sich seines Namens bedient, so liege Mißbrauch vor und er bitte, da auch der Verdacht des Diebstahls wahrscheinlich sei, um weitgehende Rechtshilfe.«

Dies alles wurde Jan Traberg, der inzwischen von dem hochgelegenen Wachhaus in die kahle Zelle des nächsten Bezirksgerichtes übersiedelt worden war, vom Untersuchungsbeamten spöttisch vorgehalten.

»Es ist viel einfacher, wenn Sie Ihr Geheimnis lüften«, sagte er. »Wir bekommen ja doch heraus, wer Sie sind und was Sie auf dem Kerbholz haben.«

Da war es an Jan Traberg zu lächeln.

»Sie stellen sich die Sache zu leicht vor. Wenn ich einen falschen Namen geführt habe, so ist das wohl kein allzuschweres Vergehen. Wenn jemand mein Geld beansprucht, so muß er wohl den Nachweis führen, wie er es erworben hat ...« Aber schon bei diesem Wort stockte Jan Traberg. Ebensogut konnte man von ihm den Nachweis des Erwerbes verlangen. Es gab keine Möglichkeit für ihn, diesen viel gewundenen Weg von Vergehen gegen die öffentliche Ordnung, die Sicherheit der Staaten, die Spionagegesetze, in einem klaren Geständnis aufzuzeigen. Es gab keinen Weg, diese Treibjagd wider seinen Willen, in die er vom Schicksal ruhelos verwickelt worden war, anderen klar zu machen. So tat er, was das einfachste war, er schwieg sich aus.

Namenlos zu sein ist das Schlimmste, was ein Mensch sich zuschulden kommen lassen kann. Jan wurde gemessen, auf besondere Merkmale untersucht. Schriftproben wurden genommen. Sein Bild ging an alle Polizeizentralen. Alle Welt wollte wissen, wer er sei.

Plötzlich war auch Jan van Kerken in Rom verschwunden und mit ihm seine Begleiterin. Ständig waren sie bei der Schwierigkeit der Ermittlungsverfahrens neuen Verhören unterworfen. So wurde ihnen der Boden zu heiß.

Es war nun sichtbar, daß die Ankläger keinen Wert mehr auf die Klage legten. Aber es war darum durchaus nicht sicher, daß Jan van Kerken unschuldig war und frei ausgehen konnte. Seine angebliche holländische Heimatgemeinde kannte ihn nicht, nur den anderen. Kein Standesamt und Geburtsregister wußte offiziell um ihn. Daraus war klar, daß er sich verbarg. Neue Nachforschungen setzten ein.

Seit Monaten saß er hinter den schweren Gittern der kahlen Zelle des Bezirksgefängnisses. Kein Mensch kümmerte sich um ihn. Er durfte darüber nicht klagen, sondern mußte auch noch froh sein, daß niemand seine Verwirrung weiter verwirrte. Fast täglich quälte man ihn mit Kreuz- und Querfragen, die zu keinem Ende führten. Dann suchte man ihm von der Gemütsseite beizukommen. Man sandte ihm erst den katholischen Geistlichen, dann einen protestantischen Pfarrer, den man von außerhalb bemüht hatte. Aber Jan verbarg auch das Nationale seiner Seele, lieber dünne, freundliche Gespräche kamen auch die Sachwalter der Güte und des Glaubens nicht hinaus.

Man zögerte, ihm wegen Paßvergehens sofort zu verhandeln, weil man ihn dann freigeben mußte, wenn er die geringfügige Strafe verbüßt hatte.

Ein kalter, heller Morgen brachte neue Verwirrung.

Wie ein satanischer Witz liefen ohne Angabe des Absenders auf den Namen Jan van Kerken jene vielen gefälschten Dokumente Jan Trabergs ein.

Rückfragen beim dänischen Konsulat in Kopenhagen ergaben die glatte Fälschung. Wie ein Turm baute sich eine nach der anderen auf. Es gab keine Lücke in der Folgerichtigkeit dieser Namensverleugnung und es gab auch keine Lücke in den Schuldbeweisen, die gegen Jan anwuchsen.

Der Untersuchungsrichter kam selbst zu ihm in die Zelle und legte in Gegenwart von zwei Beamten diese Dokumente auf seinem schmalen Holztischchen aus.

Jan wurde weißer als die Wand, vor der er stand.

»Sind dies Ihre Dokumente?« fragte der Untersuchungsrichter mit spöttischem Lachen.

Jan überflog sie, begriff seine vollkommene Hilflosigkeit und schwieg.

Eine langgezogene Viertelstunde des Schweigens lastete über dem kleinen Holztischchen. Dann nahm der Untersuchungsrichter die Papiere wieder an sich. Die Zellentüre schloß sich. Jan war allein.

Nach einer langen schlaflosen Nacht versuchte er es mit der Wahrheit.

Jan van Kerken war mißtrauisch in der Anwendung der Wahrheit. Er dachte an Thea, zu der er offen gesprochen hatte und an die Katastrophe, die sich für ihn in Rom daraus ergeben hatte.

Als es leise dämmerte, jenes bleifarbene Grau, das die Trostlosigkeit kahler Wände noch trostloser gestaltet, war er entschlossen, nicht mehr Jan van Kerken zu heißen.

Er gab durch die Glocke zu verstehen, daß er den Untersuchungsrichter sprechen wolle. Eine Stunde später wurde er vorgeführt.

Der Räume, in denen gepflegte Menschen wohnen, war er entwöhnt. Hinter einem dunklen Diplomatenschreibtisch saß der Richter bei einem Stoß seiner Akten. Schöne Bilder hingen an den Wanden. Ein bequemer Klubsessel ließ ihn in längst entbehrte Behaglichkeiten versinken. Die Tücke diese Friedens kam ihm nicht zum Bewußtsein. Unbeholfen wartete er auf das Kommende.

»Haben Sie sich nun entschlossen, Herr von Unbekannt, welchen Namen Sie künftig tragen wollen?« fragte der Richter beinahe kameradschaftlich.

Jan schöpfte Atem. Dann sagte er fest: »Ich heiße nicht Jan van Kerken, ich bin Jan Traberg aus Antwerpen.« Jan glaubte nun Gelegenheit zu haben, sich zu erklären. Da er sich unglaubwürdig gemacht hatte und der Untersuchungsrichter nicht die Neigung hatte, in seine Akten neue Märchen aufzunehmen, war die Unterredung schon wieder beendet. Ohne Hoffnung ließ sich Jan wieder in seine Zelle führen.

Nach einigen Tagen lagen die Ergebnisse der Auskünfte vor. Die holländische Behörde teilte mit, daß ein Jan Traberg vor Jahren als Selbstmörder in der See den Tod gefunden habe. Die Frist sei rechtmäßig gewahrt worden, die amtliche Todeserklärung erfolgt, Abschriften der Zeugen, der Antragsteller und der behördlichen Verfügungen waren beigefügt.

Wieder brach ein Stück fester Boden unter Jan Trabergs Füßen in den Abgrund weg. Er nannte die Persönlichkeit, bei der er sich damals nach sich selber erkundigt hatte, um zu beweisen, daß er nicht tot sei. Aber erinnerte sich zugleich, daß er sich damals nicht deutlich erklärt hatte. Immerhin knüpfte er irgend eine Hoffnung an Ermittlungen.

Der Untersuchungsrichter war bereit. Aber die Auskunftei Argus Matschappi existierte nicht mehr, da ihr Besitzer gestorben war. Akten und Aufzeichnungen waren eingestampft.

Jan Traberg mochte sich ausdenken, was er wollte. Es gab kein Entrinnen aus der Macht seines Schicksals.

Die internationale Kriminalpolizei arbeitete. Lichtbild, Fingerabdrücke, Aktenauszüge wurden getauscht. Aber sie ergaben nichts. In Stunden größter Verzweiflung erwog er, ob er Thea den fruchtlosen Versuch, seine bürgerliche Freiheit wieder zu gewinnen, mitteilen sollte.

Wenn diese Gedanken über ihn kamen, schien ihm Thea wie ein verklärter Mensch, der an seinem Schicksal freiwillig teilnahm, und er begriff, daß er sie niemals in seine Atmosphäre herabziehen durfte. Zuweilen hatte er Angst, daß sie durch die Nachforschungen der Polizei mit hereingezogen werden könnte. Aber es geschah nichts dergleichen. Dagegen verlangten ihn jetzt die Regierungen Europas. Nachdem er einmal gestrandet war, glaubte ihm niemand mehr irgend welche gute Absichten. Alle Spionagefälle und Verrätereien von Staatsgeheimnissen wurden mit seiner Person in Verbindung gebracht, Indizienbeweise wurden gebaut, ein Fangnetz, aus dem es kein Entrinnen gab, von allen Seiten gegen ihn gestellt.

Zuweilen nistete sich eine kleine Sehnsucht in ihn, ein kleines bescheidenes Leben ohne Verfolgung führen zu dürfen. Aber er schüttelte diesen Traum, dessen Erfüllung er längst hinter sich hatte, unwillig ab.

Da wurde er plötzlich früh am Morgen vor den Untersuchungsrichter geführt.

Auf dem Tische lag eine alte, vergilbte Photographie. Die Züge dieses Menschen konnten ungefähr einmal die seinen gewesen sein. Der Untersuchungsrichter hielt ihm das Bild vor die Augen.

»Kennen Sie diese Photographie?«

Jan Traberg sah das Lichtbild mißtrauisch an. Es war seltsam, daß dieses Bild irgend etwas Verwandtes mit ihm zeigte. Es fiel ihm nicht auf, daß eine ganze Reihe von Zügen gegen diese Auffassung sprach.

Jan Traberg hatte plötzlich einen Gedanken, den ihm seine Phantasie eingab. Möglicherweise trug der Besitzer dieses Bildes den Namen Traberg. Dann konnte er sich vielleicht darauf berufen und auf einem ganz unwahrscheinlichen Weg doch wieder zu seinem richtigen Namen kommen.

»Kennen Sie dieses Bild?« fragte der Untersuchungsrichter bereits etwas ungeduldig.

Jan Traberg war ganz mit seinen eigenen Gedanken, mit diesem neuen Ausweg aus seine Bedrängnis beschäftigt. So überlegte er nicht lange und bejahte.

Rasch protokollierte der Gerichtsschreiber dieses Eingeständnis und schon sagte ihm der Untersuchungsrichter, daß er nun wisse, wer er sei. Er habe sich den Namen Traberg nur beigelegt, um sich zu verstecken und dies sei seine Meinung vom ersten Augenblick an gewesen. In Wirklichkeit sei er der von Frankreich lange gesuchte Verbrecher Jupp van Kerken, den die internationale Polizei eine Zeitlang gehetzt und dessen Spur sie seit langem in Südamerika verloren habe.

Jäh erwachte Jan Traberg aus seiner leichtsinnigen Gedankenkombination. Alte, angeborene Gewohnheit, sich mit leichten Lügen ins Ungewisse treiben zu lassen, hatte ihn in ein neues Verhängnis gestürzt.

»Ich kenne dieses Bild garnicht und ich bin es auch nicht. Ich habe damit nichts zu tun«, brüllte er in den stillen Raum.

»So sagen sie alle, wenn man sie erwischt hat«, bemerkte der Untersuchungsrichter trocken und raffte die Akten zusammen. Jans Blicke hefteten sich auf diese Photographie. Sie war alt, undeutlich, und oberflächlich konnte jemand meinen, daß er einmal so ausgesehen hätte. Vergebens bäumte sich Jan mit nochmaligen Einwänden auf. Er hatte nichts zu tun, als das Protokoll zu unterschreiben, auf dem die in Gegenwart des Gerichtsschreibers gegebene Erklärung stand, daß er das Bild anerkannt hatte. Er hätte noch Einwände dagegen machen können, aber nun verlor er den Halt, sah einen natürlichen Ausweg nicht mehr und sackte in ein ungewisses, folgenschweres Schicksal hinunter.

Furchtbare Nächte der Selbstanklage folgten. Es gab nichts Entsetzlicheres für einen Menschen, dessen Herz sich zusammenkrampfte, bestürmt von den Fehlern eines wirren und fahrlässigen Lebens, als diese kahlen Mauern, diese auf das Geringfügigste beschränkte Notdürftigkeit des Lebens. Räume, die Farbe haben, haben ihr Gesicht, ihr besonderes Gepräge, das nicht schreckt. Aber aus leeren Wänden brechen die Gespenster. Jan Traberg trieb auf einem uferlosen Meere der Verzweiflung. Wieder hatte er einen falschen Paß, den man ihm aufgezwungen hatte. Die schwere Lebensschuld eines anderen, die er nun, wenn leichtsinnige Richter die Indizien nicht erforschten, zu tragen hatte.

Diesmal war keine Frist gegeben, ein neues Leben anzufangen. Als der Morgen graute, schrieb er einen Brief voll fliegender Hast an Thea. Nichts beschönigte er, nichts verheimlichte er. Zum erstenmal war das Gefühl in ihm so mächtig, zum erstenmal war er so stark von Seelennot gejagt, daß er in Worte fassen konnte, was ihn durchzitterte. Noch ehe der Tag zu Ende ging, schrieb er den zweiten Brief an Yvonne nach Rom. Er empfand es selbst als Irrsinn, den Flüchtigen noch einen Brief nachzusenden, der ihn wegen Kriminalvergehens erst recht ins Zuchthaus bringen konnte. Aber er fand keinen anderen Ausweg, denn er wollte nicht tot erklärt sein, er mußte ja seinen richtigen Namen wieder haben, seinen nur mäßig getrübten holländischen Namen Traberg. Mochte ihn Yvonne anklagen, mochte er deshalb der Justiz in die Hände fallen, so war er doch wenigstens wieder auf dem Wege ein Mensch zu werden, dessen Dasein durch eine unbestreitbare Namensformel erhärtet war. Ein sonderbares Gemisch von Bitte und Herabsetzung war dieser Brief nach Rom.

»Als ich schon erwachsen und dennoch, weil sich niemand um mich gekümmert hatte, noch ein Kind war, leichtsinnig tändelte und mit mir spielen ließ, hast Du mit Gewalt nach mir gegriffen.

Ich wich Dir aus und machte dem Spiel ein Ende. Jeder Mensch darf dies tun vor seinem Gewissen und vor dem Gesetz.

Immer, wenn ich mich zu einem neuen Leben hinaufarbeiten wollte, hast Du meine Wege gekreuzt und mich hinuntergestoßen. Kein Teufel kann einen Sünder mehr verfolgen, als Du es mit Deinem Hasse gegen mich getan hast. Alles schlugst Du mir mit Lachen entzwei und jedes Menschenwürdige, das in mir wachsen wollte, hast Du lachend niedergetreten, ohne daß ich es wehren konnte.

In der bittersten Notwehr, in die je ein Mensch hineingetrieben werden kann, geschah das Unvermeidliche. Es gelang nicht. Da habt Ihr mir alles genommen, was mich unter Menschen legitimieren konnte. Nun bin ich namenlos. Ich habe nie Böses gegen dich gewollt, außer in jener Stunde der Verzweiflung. Bezeuge nun wenigstens, daß Du mich von Jugend auf gekannt hast, damit ich meinen Namen wieder erhalte und nicht als Opfer entsetzlicher Verwechslungen zugrunde gehe ...«

Jan hatte, als er diese Zeilen schrieb, das unbestimmbare Gefühl, daß er Yvonne vielleicht aus der Erde zaubern könne, wenn er ein Wort von Liebe zwischen diese Zeilen legte. Nicht etwa, daß sie dieses Wort geglaubt hätte, sondern weil sie aus der widerwilligen Anerkennung dessen, was sie immer gefordert hatte, seine entgültige Unterwerfung erkannt hätte.

Jan schrieb von alledem kein Wort. In ihm war eine Wandlung vorgegangen. Er hatte mit der Lüge gebrochen ... In seine Gedanken versponnen saß er die ganze Nacht in der dunklen Zelle auf seinem Lager, und die heiße Sehnsucht eines ungelebten ehrlichen, arbeitserfüllten Lebens, an dem er immer achtlos vorbeigegangen war, folterte ihn grausam.

Die Briefe wurden von den Aufsichtsbeamten gelesen, dem Untersuchungsrichter gezeigt. Dieser, an die Finten der Verbrecher gewöhnt, nahm nichts ernst. Immerhin, die Angelegenheit wurde verfolgt, die Briefe wurden nach Verständigung der Polizeibehörden befördert ...

Es ist nicht gut, Schicksal für verlorene Menschen zu spielen. Aus vielen zarten, unausgesprochenen Hoffnungen und Wünschen, aus der behüteten Ruhe ihrer behaglichen Räume wurde Thea aufgeschreckt.

Kriminalpolizei war da, zeigte Marken, benahm sich, als wäre sie zuhause, betrachtete sie als Komplizin des Vielgesuchten.

Der Vater, dessen Ehre als makellos in der Welt galt, dessen Name allein genügte, verlor Haltung und Besinnung. Aber es gab kein Hausrecht. Das Gesetz war da. Es gab kein Gefühl. Der Paragraph war da, den die Menschen sich zum Schutze setzen, weil sie sich nicht menschlich betragen können.

»Wie heißen Sie? Wann sind Sie geboren? Wer sind Ihre Eltern? Sind Sie vorbestraft? Haben Sie bei der Ausführung von Verbrechen und Fälschungen geholfen?« Diese Fragen prasselten gleichförmig auf das entsetzte Mädchen, das einem Entgleisten hatte helfen wollen und mit ihrer gesellschaftlichen Ueberlegenheit nicht aufkam gegen die Brutalität der Subalternen, die die Waffen des Gesetzes schwangen. Man duldete nicht, daß sie mit ihrem Vater unter vier Augen sprach und es war noch ein Glück, daß man sie nicht wegen Verdunklungsgefahr vorläufig festnahm. Dann verließen die Hüter des Gesetzes das Heim. Alles war im Hause unverändert und doch war es von Grund auf zerstört. Als sie am nächsten Tage auf dem Polizeipräsidium eingehend vernommen wurde, faßte sie sich kurz.

Jan van Kerken habe im gesellschaftlichen Leben eine Rolle gespielt und sei ihr Tennispartner gewesen. Wenn er ein Betrüger und Fälscher sei, so habe er das mit sich selbst abzumachen. Die Rechtsanwälte traten sofort hilfreich zur Seite. Thea konnte gehen. Der Fall war erledigt.

Sie hatte viele Menschen mit Vorzügen und Fehlern kennen gelernt. Nie hatte Thea jemand inniger mit liebenden Händen umfassen mögen als Jan van Kerken.

In dem Augenblicke, da diese Liebe untergehen mußte, erkannte sie die Größe des Verlustes und die Nutzlosigkeit des Lebens. Immer noch hatte sie gehofft, daß er aus der Wirrnis seines Lebens als geläuterter und gekräftigter Mensch auftauchen würde. Nun war auch dies vorbei.

Sie fand nicht die Kraft, zu seiner Verzweiflung vorzudringen ...

Jan Traberg wurde vor den Untersuchungsrichter geführt.

»Sie entkommen uns nicht« sagte der Untersuchungsrichter spöttisch. »Die Berliner Dame, an die Sie sich wandten, kennt Sie nicht. Sie verstehen, wie ich das meine. Diese Frechheit, in das ruhige Leben unantastbarer Persönlichkeiten einzudringen, wirft kein günstiges Licht auf Ihren ganzen Fall.« Dann las er eintönig einiges aus den Vernehmungsakten vor, das darauf berechnet war, den Häftling zu erschüttern und zu Geständnissen zu bewegen. Als Jan begriffen hatte, daß die Insel ruhiger bürgerlicher Befriedung und Wohlanständigkeit nun in unerreichbaren Fernen war, daß auch die Beichte seines Lebens unbeachtet ins Leere gefallen war, hörte er nichts mehr. Seine Gedanken wirbelten haltlos irgendwo herum. Der Richter fragte an ihm vorbei. Verwirrtes, wildes Augenblitzen erschreckte ihn so, daß er ihn rasch abführen ließ. Er glaubte jetzt, die Bestie in diesem verworrenen Menschen gesehen zu haben und dennoch war es nur Verzweiflung über die Schuld an das Schicksal ...

Das Unglaubliche geschah.

Etwa vierzehn Tage später stand Yvonne vor dem Untersuchungsrichter.

Nur einige Zellengänge trennten sie von Jan Traberg.

Siegesgewiß, frisch, mit weltgewandten Augen unter dem blau-schwarzen, dichten Haar, stand sie dem Hüter des Rechts gegenüber ... Sie ergriff sofort die Führung, gab sich zu erkennen und sagte: »Ein Mensch, den ich nicht kenne, hat vor einiger Zeit einen ganz unverständlichen Brief geschrieben. Es ist mir sehr angenehm, daß sich auch die Polizei dafür interessiert hat. Um die Sache sofort abzukürzen, Sie vor unnützen Unternehmungen, und mich vor einem unverdienten Skandal zu schützen, bin ich hieher gereist. Sie haben die Möglichkeit, mich sofort mit dem Briefschreiber zu konfrontieren. Ich habe einen leisen Verdacht, daß er nicht ganz gesund ist, weil er behauptet, mich zu kennen.«

Jan Traberg wurde geholt.

In seinem abgerissenen Anzug, zerstört durch die Unsicherheit seiner Lage und die sorgenvollen Nächte, stand er Yvonne gegenüber. Seide rieselte um sie, Wohlbehagen, Lebensfreude, vornehme Welt. Kein Zug in ihrem Gesicht verriet, daß sie ihm je im Leben begegnet war. Sie sagte schlicht und einfach: »Ich kenne den Mann nicht ...«

Es war wie das Spiel einer Großkatze mit einem betäubten Opfer. Aber der Richter sah dies nicht. Ihm schien der Mann nur ein gerissener Verbrecher, der sich auf jene Ausflüchte stürzte, um dem unvermeidlichen Schicksal durch kleine Winkelzüge zu entgehen.

»Yvonne!« brüllte Traberg. »Das ist nicht wahr!«

Yvonne aber hatte nur eine gleichgültig bedauernde Bewegung und beharrte darauf, ihn nie gesehen zu haben. Traberg nannte dem Richter erregt gemeinsame Bekannte in Berlin, Wien, Genf und wo immer in unzugänglichen Räumen um schmutzige politische Wäsche gefeilscht wurde.

Yvonne blieb unerschütterlich. Nicht die leiseste Bewegung verriet, was in ihr vorging. Nur eine grausame Freude leuchtete, für Traberg erkennbar, aus ihren Mienen.

Der Richter hatte sich Notizen gemacht, folgte aufmerksam der erregten Auseinandersetzung der Parteien, unterbrach dann Jan geradewegs mit der Frage: »Beschuldigen Sie die Dame der Beihilfe oder Mittäterschaft?«

In diesem Augenblick spürte Jan Traberg, daß er noch nicht niedrig genug sei, seinen Feind mit diesen Waffen zu schlagen. Ehe er zu einer klaren Antwort kam, war der Augenblick vorbei.

Yvonne stellte ihre Adresse zur Verfügung, der Richter dankte ihr höflich für ihre Bemühung um die Aufklärung des Falles und geleitete sie bis an die Türe.

Yvonne ging fröhlich und unbekümmert hinaus in die Welt zu neuen Abenteuern. Jan Traberg wurde von zwei groben Wärtern an den Armen gefaßt und in seine Zelle gestoßen. Die Türe krachte ins Schloß.

Jan Traberg begriff, daß die Welt ihre Türen vor ihm verschlossen hatte.

Noch gab er den Kampf nicht auf. Er nannte aus früheren Jahren Lebensumstände, Persönlichkeiten. Es gelang ihm teilweise dem Richter in sein verworrenes Leben Einblick zu geben, aber er konnte nicht erschüttern, was die Indizienbeweise und das Schuldkonto eines fremden Menschen, mit dem er nichts zu tun hatte, um ihn zusammentrugen.

Die internationale Polizei hatte von Jupp van Kerken nichts als seine lange Liste der Verbrechen und Vergehen und diese blasse, fast unbrauchbare Photographie, die bei den Akten lag. Messungen und Identitätsnachweise für das Verbrecheralbum zu gewinnen, war niemals gelungen. Nur das Buch seiner Frevel lag aufgeschlagen und forderte Sühne.

Es kamen Tage, wo Jan verzweifelte. Menschen aus Deutschland, Holland und Frankreich tauchten auf und wurden ihm gegenübergestellt.

Er hatte sie nie gesehen, aber das Verhängnis war über ihm.

Keiner sagte es ganz bestimmt, daß er Jupp van Kerken wäre. Manche meinten, er habe sich sehr verändert oder jetzt ein anderes Wesen angenommen. Alle aber hielten ihn dennoch für den Verbrecher in ihrer Angelegenheit und waren bereit, es in dieser Form zu bekunden.

Solche krumme Wege gehen Recht und rechtsuchende Menschen unter den Augen des Richters, wenn das Verhängnis es will.

Jan wütete nachts gegen die Wände seiner Zelle, aus denen unsichtbare Gespenster auf ihn niederdrohten. Aber es half nichts mehr. Der Ring war geschlossen.

Stumpf hörte er, wie man ihm die Taten des anderen vorhielt. Anfangs sagte er immer: »Ich bin es nicht gewesen. Ich bin unschuldig.« Später sagte er: »Man muß es mir doch nachweisen. Man muß doch etwas in Händen haben, was mehr ist, als die Meinungen von Zeugen nach langen Jahren.« Noch ein wenig später bat er den Richter, doch keinen Justizmord an ihm zu begehen. Gleichmäßig liefen die Verhöre, gleichmäßig wuchs der Haufen der zusammengetragenen Dinge, an denen er kein Teil hatte, und getreulich trug man den kleinen Berg seiner Missetaten dazu. Es machte nichts aus, daß er sich nicht äußern konnte, weil er nichts wußte. Niemand glaubte ihm, denn es ist ein ungeschriebenes Gesetz, daß ein Mensch ohne polizeiliche Ausweispapiere vogelfrei ist.

Dann kamen die Tage der Verhandlungen.

Jan wurde zur Sensation, zu einem Wundertier übler Art, das sich in die gesittete menschliche Gesellschaft verirrt hatte. Immer hatte er geschwiegen. Was man auch Jupp van Kerken zuerteilte, immer schwieg er. Er hatte es aufgegeben, zu kämpfen.

Die Richter sahen streng auf ihn hinunter, als hätten sie ihr Urteil schon gebildet. Der Staatsanwalt holte aus seinen Retorten alle Säuren, die er aus dem vielfältigen Gebrauch noch übrig hatte. Die Geschworenen waren innerlich von ihm schon abgerückt, ehe noch der Endkampf begonnen hatte. Sein Vermögen war beschlagnahmt, weil man nach dem wirklichen Besitzer fahndete und ihm nichts zugutehielt. Nirgends in der Welt gab es für ihn einen Freund. Allen, allen verhaßt als eine interessante, nicht enträtselte kriminalistische Figur stand er vor der Anklagebank zwischen zwei Polizisten.

Mehrere Wochen nahm der Prozeß in Anspruch. Alle Instanzen des Rechts bekämpften sich schließlich. Die Verteidiger erhitzten sich. Jeder begriff, daß hier Unerforschtes, Unglaubhaftes an die Stelle einfacher Tatsachen trat. Niemand fand sich in dem verschlungenen Gewirr zurecht.

Dann aber ließ man die Zeugenaussagen ins Gewicht fallen, die Begleitumstände, die kleinen Nebensächlichkeiten, die die Schwere des Gesetzes heranzogen. Als alles beendet war und der Angeklagte schon vor dem Spruche des Richters hilflos niedergebrochen das Schlußwort nicht ergriff, verschwand das schwarze Verhängnis der Talare im Beratungszimmer.

Jan Traberg wartete geduldig. Es gab für ihn nichts mehr zu gewinnen, nur noch ein Leben, das geduldet werden mußte.

Er fühlte noch einmal um sich die Ruhe des Saales, das Verweilen zwischen den Menschen. Vor den Fenstern war wohltuendes Grün. Vogelsang quoll aus den Zweigen. Der Himmel war blau. Nichts veränderte sich seinetwegen.

Dann kam die Urteilsverkündung. Die Türe des Beratungszimmers öffnete sich. Der Vorsitzende des Gerichtes murmelte seinen Spruch. Der Zuschauerraum drängte sich vielköpfig gegen die Schranken. Die Zeugen konnten hören, was sie mit ihrer eifervollen Arbeit angerichtet hatten und was das Gericht glaubte und nicht glaubte, was es, wie es sagte, um der Menschheit willen ahndete. Jan hörte aus allem nur einige Worte, die wie eine große Lawine auf ihn zurollten und den Wehrlosen niederwälzten:

15 Jahre Zuchthaus.

Seine Gedanken wirbelten durcheinander. Er vergaß Protest einzulegen, Berufung einzulegen. Die Anwälte hatten sich müd gesprochen, hofften nichts mehr von dem Fall, gaben ihn auf. Seine Blicke glitten über die Zuhörer, die sein Schicksal durch die Verhandlung mit erlebt hatten. Keine Erregung zeigte sich. Jedermann gab ihn auf. Er war erledigt. Als er dies erkannt hatte, hatten ihn schon die Schutzleute an den Armen und führten ihn weg.

Jan sank in die graue Welt des Zuchthauses hinunter, die nicht durch Martern des Körpers, sondern durch stille Folter der Seele dem Rechte Geltung verschafft.

Jahr um Jahr zog in einförmiger Arbeit vorbei Er hatte weben gelernt. Sein Fuß stieß den Weberbalken. Seine Hände bewegten den Rahmen und ließen das Weberschiffchen sausen. Zu minderwertigem Stoff formte sich das Werk seiner Hände. Wertlos war alles, was er anfaßte, und wovon er lebte.

Eines Nachts hatte er einen sonderbaren Traum und es schien ihm fast, als ob dieser Wahrheit gewesen sei.

Er war ganz am Anfang seiner Abenteuer und lag auf dem Schiff in einer halbdunklen Kammer. Zwei Menschen beugten sich über ihn, ebenso bereit, ihn über Bord zu werfen, als ihn weiterleben zu lassen. Noch fühlte er den Abscheu vor dieser tierhaften Gleichgültigkeit in allen Gliedern.

Mit einmal war es, als ob das Gesicht des einen Schiffers die Züge Jupp van Kerkens annehmen würde. Dann blickte ihm dieser leibhaftig ins Gesicht. Nicht Menschenfreundlichkeit war in seinen Zügen, sondern überlegene List.

Als er gleichgültig den Webstuhl trat und die Hände sich von selbst regen ließ, mischte sich sein Traum in die wache Ueberlegung.

Diese Phantasie der Nacht schien ihm nicht mehr unglaubhaft. Je mehr er darüber nachdachte, desto mehr bestärkte sich ihm die Absicht seiner Retter. Jupp van Kerken war nach einer verbrecherischen Laufbahn eben im Begriffe gewesen, über See zu gehen. Da war er ihm und seinem Komplizen auf diese wunderliche, schier unmögliche Art in die Hände geraten.

Jupp van Kerken hatte mehrere Abenteuer mit seinem Namen in Europa beglückt und auch ihn als letzten Gruß an den alten Kontinent auf die Menschheit losgelassen.

Mit dieser List hatte er seine Spuren verdeckt und freute sich irgendwo seiner schrankenlosen Freiheit, während er, der willenlose Jan Traberg, der sich von der Strömung des Lebens immer hatte treiben lassen, nun im Zuchthause saß.

Er wagte es, mit dem Geistlichen zu sprechen. Dieser aber mißtraute den »Phantastereien«, wie er es nannte, und beruhigte ihn nur im allgemeinen.

Jan Traberg begriff, daß ein Mensch ein so sonderbares Leben mitgemacht haben konnte, daß niemand mehr es für wirklich hielt.

Damit ließ er es bewenden und webte viele Meter grauen Stoff, bis der Tag kam, an dem steh die Pforten des Zuchthauses für ihn öffneten.

Er bekam seine Kleider zurück, die nun ganz altmodisch waren, so daß ihm später, als er auf der Straße ging, die Leute nachsahen. Er bekam nach Abzug der Prozeßkosten sein Vermögen zurück, das immer noch ein auskömmliches Leben sicherte. Aber er bekam seine Lebenskraft, seinen Anspruch an das Leben trotz allem nicht wieder zurück. Dieser war im Zuchthaus haften geblieben. Nur graue Haare bekam er mit, die um die Schläfen silberten und ein freundliches Wort des Direktors, nun ein neues Leben zu beginnen.

Jan Traberg war plötzlich überrascht. Dann lächelte er in sich ein wenig hinein, tat die Beine etwas auseinander, die müden Weberfüße, legte die Hände auf den Rücken und fragte den Direktor: »Einen Namen brauche ich schon, wenn ich draußen bin. Wie heiße ich nun eigentlich, Herr Direktor?«

Diese Frage war zu erledigen. Aber in dieser anklagenden Form der Bitte war sie dem erfahrenen Strafvollzugsbeamten noch nicht gestellt worden. Aus dieser gütigen Sanftmut des Wortes brach verletztes Recht.

»Sie müssen doch wissen, wie Sie wirklich geheißen haben?«

»Ich weiß es schon«, sagte Jan, »aber niemand will es glauben. Traberg heiße ich.«

»Diesen Namen dürfen Sie nicht führen«, erklärte der Direktor, »denn Jan Traberg ist für tot erklärt und Sie dürfen sich keinen fremden Namen anmaßen.«

»Ich lebe aber doch«, sagte Jan Traberg hilflos.

»Es mag sein«, erwiderte der Direktor nachsichtig, »daß Sie leben. Aber Sie können es unter diesem Namen nicht beweisen. Sie sind als Jupp van Kerken in die Strafregister eingetragen und es ist Ihnen nicht gelungen, die Welt vom Gegenteil zu überzeugen. Also heißen Sie Jupp van Kerken und ich kann Ihnen nicht helfen. Nach Ihrem Vorleben wird Ihnen die Polizei die Führung eines anderen Namens nicht gestatten. Erweisen Sie sich als Mann und tragen Sie Ihr Schicksal.«

Jan Traberg stellte die müden Weberbeine hilflos nebeneinander, nahm die Hände vom Rücken und begriff, daß nun alles so sein müsse.

So trat er in letzter Verwandlung auf die Straße, bestieg den Nachtzug ohne Hoffnung und ohne Abscheu.

Wie einst durchfuhr er Landstrich um Landstrich, Gebirge und Ebene viele Stunden lang.

Starr sah die Landschaft durch die Fenster, rollte nicht wie ein Film mit verborgenem Abenteuer. Seelenlos war ihm die Welt, weil er nun endlich seine Seele ganz und gar verloren hatte. Als er in Ostende ausstieg, war es Mitternacht. Kein Licht stand zwischen den Häusern. Schwarz und gespenstisch krumm vom Meerwind nach der Landseite gedrückt, lagen die Alleen.

Jan Traberg konnte mit der Freiheit nichts mehr beginnen. Er hätte in einem Hotel übernachten können, denn er war nicht arm. Aber es war seltsam. Er war nicht mehr er selbst. Fünfzehn Jahre lang war er ein Weber gewesen, hatte keine Gewohnheiten mehr, hatte Bedürfnisse des Lebens verlernt, im tiefen Schweigen der Zelle das Sprechen mit Menschen vergessen.

Einige Männer schritten vorbei, jeder nach seiner Behausung. Jan Traberg fragte keinen nach dem Wege, obwohl er sich nicht zurecht fand. Neue Häuser und neue Menschen waren gewachsen. Müde duckte er sich abseits der Straße hinter einen Busch und lehnte sich mit dem Rücken an einen Holzzaun. Aber ein Hund kam wild sichernd mit scharfem Gebell gegen ihn heran. Da erhob er sich müde und schritt ins Dunkel dem Meere entgegen.

Finsternis lag über dem Strande, stundenlang. Dann begehrte Sturm vom Norden auf. Reich und vielgestaltig wie Vorweltriesen, freie Heerscharen ohne Ziel und Ende, brauste es heran. Unerschöpflicher Lebensstrom sang das urewige Lied. Mit schäumenden Mähnen kamen die Wellenrosse geritten. Gischt flog meterhoch.

Die Natur selbst vereitelte letzte Hilfe, die nicht begehrt wurde.

Ende.

 


Erwin Strainik
Panik im U-Boot

»Gentlemen«, rief Lloyd Hughes, als die Herren in höchster Bestürzung von ihren Plätzen aufspringen wollten, »bleiben Sie doch ruhig sitzen, Gentlemen! Wie können Sie nur durch diese Nachricht so vollständig Ihre Fassung verlieren? Was ist denn Großes geschehen? Die Maschinen unseres Unterseebootes haben zu arbeiten aufgehört und mein erster Maat meldet mir, daß wir nicht mehr zur Oberfläche emportauchen können – jawohl, Mister Smithing, ich weiß ganz genau, was dies heißt: wenn ein U-Boot die Auftriebskraft durch irgendwelche Umstände verloren hat, dann sinkt es immer tiefer, bis es auf dem Meeresgrund anlangt. Die in seinem Rumpfe eingeschlossenen Passagiere vermögen nur noch so lange zu atmen, als die Sauerstoffvorräte des Schiffes reichen. Wir sind zwölf Mann – fünf Leute der Besatzung, sechs Gäste und meine Wenigkeit – an Bord, es dürften uns also nach dem von den Erbauern angegebenen Schlüssel noch etwa drei Stunden Lebensfrist gegönnt sein.

Sie haben eine sonderbar kalkweiße Gesichtsfarbe, Mr. Everett Powell, gestatten Sie, daß ich dies bei Ihnen ein wenig deplaciert finde. Sind Sie denn nicht bisher der Führer Ihrer fünf übrigen Freunde gewesen, die ich heute mit Ihnen auf mein neues U-Boot gebeten habe, um eine Probefahrt mit demselben zu unternehmen? – Sind Sie nicht derjenige, der am häufigsten bisher die Schalheit des Lebens beklagte? – Winken Sie nicht so nervös mit Ihrer Hand ab, Mister Dove, ich weiß, daß Sie sich der Vergangenheit genau erinnern, aber ich möchte sie Ihnen doch noch einmal kurz vor Augen führen. Wir haben ja zwei Stunden vierzig Minuten Zeit, was sollen wir sonst anfangen mit dem Reste unseres Daseins? – Sitzen geblieben, meine Herren, ruhig sitzen geblieben!! Sie könnten am allerwenigsten die Maschinen reparieren, jeder Handgriff eines Uneingeweihten würde die endgültige Katastrophe nur noch beschleunigen. Trinken Sie lieber etwas Wein oder Sekt, wir brauchen ja das Alkoholverbot nicht zu beobachten. Und nehmen Sie sich an der Tapferkeit dieses kleinen Boys, der die Flaschen kredenzt, und ebenfalls mit uns in zweieinhalb Stunden tot sein wird, ein Beispiel. Der brave Knirps fürchtet sich nicht, unablässig erfüllt er seine Pflicht – schon knallen die Pfropfen – was tut man nicht alles, um das Lebensende schön zu gestalten?

Aber – nun hätte ich selber beinahe die Geschichte vergessen, die ich Ihnen erzählen will, also beginnen wir: Sie, meine Herren, Everett Powell, Joe Smithing, Jan van Mayen, Bill Johnson, Herbert Mc Lean und Harry Dove, sechs an der Zahl, bilden das Spitzenkomitee des von Ihnen ins Dasein gerufenen, ganz einzigartigen Klubs der »Lebenssatten«. Selbst für amerikanische Verhältnisse überaus reich, hat keiner von Ihnen das Vermögen selber erworben, sondern verdankt dieses der mehr oder minder mühevollen und mehr oder minder ehrlichen Arbeit seiner Väter oder Großväter. Mr. Roger Kahn, der dem Multimillionärszirkel in New York präsidiert, würde jeden von Ihnen bedenkenlos in seinen Kreis aufnehmen, die gefeiertsten Schauspielerinnen Hollywoods würden ihre Filmkarriere aufgeben, könnten sie Ihre Freundinnen werden – doch – nein – das Leben hat für Sie keinen Reiz. Sie finden alles langweilig, alles schal, die kostbarsten Güter verwerfen Sie als völlig wertlos und die größten Sensationen der Welt vermögen Ihnen kaum ein Lächeln zu entlocken. Weder Liebe noch Haß, weder Freude noch Schmerz reichten bisher an Sie heran. Ist es so, meine Herren, oder übertreibe ich?

Ja, es ist so und gereicht mir zur besonderen Ehre, daß Sie, Mr. Mayen, meine Worte bestätigen. Aber nicht nur das, was ich bisher sagte, trifft zu. Ich weiß noch viel mehr. Es ist mir nämlich bekannt, daß Sie, alle sechs, aus lauter Lebensüberdruß bereits sehr häufig mit dem Todesgedanken spielten. So äußerte zum Beispiel erst kürzlich Mr. Johnson in einem Gespräch, das er allerdings unbelauscht wähnte, zu Mr. Dove, die Eintönigkeit seines Daseins ekle ihn bereits derart an, daß er über kurz oder lang zum Revolver greifen werde – und Mr. Dove antwortete, wenn er dies wirklich tun wolle, dann möge er es ihm vorher sagen, denn er sei gerne bereit, mitzugehen.

Halloh, Mr. Mc Lean – hat Sie meine Erzählung so sehr ermüdet? Sie werden doch nicht gar etwa in Ohnmacht fallen wollen? Rasch ein Glas Sekt! So, das tut wohl! Und nehmen Sie sich zusammen – zwei Stunden sieben Minuten werden Sie doch noch so viel Lebenskraft aufbringen, um uns ein ebenbürtiger Gefährte zu sein? – Zum Teufel, Mr. Powell wollen Sie mir mit dem Sessel den Schädel einschlagen? Ja, wenn Sie so anfangen, meine Herren, dann werde ich andere Mittel ergreifen müssen, um Sie in Ruhe zu halten. Sie kennen ja meinen Revolver, sechs Kugeln sind im Magazin – ich bin ein guter Schütze, das wissen Sie – es reicht also gerade eine Kugel für jeden, der sich rührt. Bravo, nun sitzen bereits wieder alle so nett wie Schulbuben da und wir können in unseren Betrachtungen fortfahren!

Nein, Mr. Smithing, wenn Sie trinken wollen, schieße ich nicht. Nehmen Sie nur ruhig Ihr Glas. – Prosit! – Auf zum Wohl derer, die nach uns leben! Und nun zurück zu unserem baldigen Tode! – Hören Sie, wie die Maschinisten an den Auftriebshebeln arbeiten? Die armen Burschen werden nichts reparieren können. Denn ich will Ihnen jetzt – eine Stunde vierzig Minuten vor Ihrem Tode – etwas verraten: ich habe früher selber in einem unbewachten Augenblick die Mechanik meines Schiffes zerstört, jawohl, mit eigenen Händen und vorsätzlich zerstört!

Zurück, Mr. Dove, oder eine Kugel tanzt in ihr kleines Fettherz hinein! Sie hoffen – ich würde doch kein Mörder sein wollen? Aber ich bitte Sie, lassen Sie bloß keine Gedankenverwirrung eintreten! Als Mörder kann man doch nur denjenigen bezeichnen, der einen anderen dem Leben entreißt. Entreiße ich Sie diesem tatsächlich? Sie wollten sich doch bereits selber sehr oft schon den Garaus machen, es behagte Ihnen, allen Zeitungsreportern, die Sie interviewten, zu erklären, daß Ihnen das Sterben nur eine willkommene Erlösung aus den Qualen des ewigen Einerleis bedeuten könne – nun also, wenn Ihnen Reichtum und Glück Ihre Jahre bisher nicht erträglich zu gestalten vermochten, jetzt ist die Stunde da, wo alles ein Ende nimmt – jetzt haben Sie, was Sie so oft schon ersehnten, meine Herren Lebenssatten – jetzt sterben Sie!!

Wie, – Mr. Mayen, – Ihnen kommt meine ganze Handlungsweise ein wenig unlogisch vor? Sie meinen, wenn mir schon so sehr an Ihrer aller Tod gelegen wäre – aber ich selber? Nun, vielleicht gehöre ich ebenso zu den Lebenssatten wie Sie, – entschuldigen Sie, ich meinte: vielleicht glaubte ich, mein Grad von Lebensüberdruß entspräche der Situation, in der Sie sich zu befinden vorgaben, darum zog mich Ihr Klub so an, als ich aus England nach Amerika kam, und darum glaubte ich in Ihrer Gesellschaft das beste Verständnis für die von mir ausgeheckte Todesart zu finden. Denn mein Plan, in einem U-Boot zu ersticken, hat gewiß etwas Originelles an sich. Und ich dachte, wenn Ihnen noch niemals etwas Spaß bereitete, so würde es doch endlich einmal dies tun, auf solch eine nicht alltägliche Weise mit mir das Dasein zu beschließen. Denken Sie, Ihnen, denen alles, alles zu fade, – ist hier die unerwartete Gelegenheit gegeben worden, an Sauerstoffmangel in kurzer Zeit zugrunde zu gehen. Bitte, blicken Sie zur Uhr, – nur noch eine Stunde vierundzwanzig Minuten haben wir Zeit, ist das nicht köstlich?

Meine Herren, wenn Sie wüßten, was für einen komischen Eindruck Sie erwecken! Schade, daß wir keinen Spiegel hier haben, aber vielleicht trägt einer der Herren einen bei sich? Spüren Sie auch bereits die Abnahme der Luft? Mr. Johnson ringt so schwer nach Atem und Mr. Powell hat tatsächlich Schaum auf den Lippen. Ich muß gestehen, ich vermutete bisher, derartiges käme nur in Romanen vor. Oder – sagen Sie, meine Herren, heucheln Sie Ihre Angst vielleicht bloß? Spielen Sie mir vielleicht gar eine Komödie vor? Sie fürchten sich doch nicht wirklich vorm Sterben? Oder hält Sie in der Tat nur mein Revolver in Schach? Möchten Sie sonst gleich Wahnsinnigen herumspringen? – Was heulen Sie denn so verrückt, Mr. Mayen? Sie haben ja noch gar nicht den Höhepunkt dieses Abenteuers erlebt! Aufgepaßt darum, meine Herren! Hören Sie gut: für einen Menschen gibt es eine Rettung! Hier in diesem Schrank findet sich ein neuartig präparierter Taucheranzug, der denjenigen, der ihn trägt, zur Oberfläche des Wassers emportreibt. Wir sind knapp vor der Küste gesunken, der Betreffende hat also alle Hoffnung, heil aus dieser Geschichte hervorzugehen. Da er aber, um das U-Boot zu verlassen, eine Luke öffnen muß, beschleunigt er den Tod der anderen, weil sich im gleichen Augenblick das Schiffsinnere mit Wasser füllt! – –

Damned – Maat, helfen Sie mir, binden Sie die Herren fest, die Gentlemen scheinen ja nicht einmal mehr vor meinem Revolver Respekt zu haben; Hände weg von diesem Kasten, Mr. Powell, Sie erwürgen ja den armen Mayen, er bekommt den Anzug genau so wenig wie Sie. So – Maat, schnüren Sie nur fest, Mr. Johnson wird es gut tun, von jener Tischkante aus das Schauspiel zu betrachten! Finger weg vom Schloß, – oder – eins – zwei – na also, das wäre getan! Nun noch Smithing, aber nein, den brauchen wir nicht zu fesseln, der hat ohnedies bereits die letzte Energie verloren.

Und jetzt, meine Herren, da Sie wieder so schön vor mir sitzen, allerdings nicht mehr ganz freiwillig, – jetzt kann ich Ihnen ja sagen, was ich mit diesem Anzuge zu tun vorhabe. Ich werde ihn selber anziehen. Ich bin nämlich kein Gentleman. Ich habe nicht die geringste Absicht zu sterben. Mein Plan geht vielmehr dahin, mir von Ihnen rasch noch einige sehr, sehr hohe Schecks ausstellen zu lassen und mit diesen an Land zurückzukehren. Fünfundvierzig Minuten haben Sie noch Lebenszeit, nachher ist alles vorüber – das Geld können Sie ohnedies nicht mitnehmen, also geben Sie es mir. Sie, Mr. Johnson machen den Anfang, ja? Ihr Scheckbuch haben Sie bei sich, – so, ich nehme es aus Ihrer Tasche, hier ist eine Feder, warten Sie einen Augenblick, ich lockere die Fessel des rechten Armes, gut – nun schreiben Sie: an Mr. Lloyd Hughes – 500.000 Dollar. Wie? Sie wollen nicht? Warum weigern Sie sich? Sie sind doch nicht verheiratet, haben keine direkten Erben, Mensch, – sechsunddreißig Minuten vor Ihrem Tode, und obwohl Ihnen am Leben nichts liegt, gedenken Sie noch kein Geld auszulassen?

Und Sie, Mr. Mayen? Ich glaube gar, Sie suchen Ihr Scheckbuch in Ihren Schlund hinabzuwürgen? Komisch, lieber essen Sie Ihre Geldanweisungen auf, ehe Sie sie einem anderen vergönnen! – Aber, meine Herren, Sie müssen mir Ihr Geld ausliefern, denn Sie wollen ja keine Kugel in die Brust bekommen, – hahaha, Mr. Mc. Lean beginnt bereits zu beten, er gedenkt wahrscheinlich jetzt noch schnell nachzuholen, was er bisher versäumt hat, und Sie, Sie lieber, armer Mr. Smithing, ich möchte Ihnen so gerne helfen, aber ich kann nicht, wegen der anderen, geben Sie also auch Ihr Geld her –

So – Sie sehen, meine Herren, ich habe es geschafft. Vierzehn Minuten vor Ihrem Untergang haben Sie mir insgesamt drei Millionen Dollar verschrieben. Eine Summe, mit der vielen armen Menschen geholfen werden könnte und die mir jedenfalls sehr gut tun wird. Ich brauche Sie somit nicht länger zu belästigen, – leben Sie wohl, oder besser gesagt: sterben Sie wohl – es fehlen nur noch neun Minuten auf die richtige Zeit, ich muß mich beeilen, wenn ich noch entwischen will, so, – der Anzug paßt, wie speziell für mich gemacht –

Ah – ah – was, Mr. Powell, Sie haben Ihre Stricke gesprengt. Sie wollen mich erwürgen? Teufel, wir hauen uns ja beide die Schädel entzwei. – Ist das nicht staunenswert – – Sie, der noch nie eine Hand gehoben hat, um auch nur die leiseste Arbeit zu verrichten, Sie werden plötzlich ein ganz respektabler Ringer, – und wie kräftig Sie auch zu boxen vermögen, bravo, bravo – es ist, als ob neue Kraft in Sie einzöge – – aber auch ich habe einmal Jiu-Jitsu gelernt, so und so – wie Ihre Augen leuchten, tatsächlich, Sie haben mich schon wieder unterbekommen, – mir geht beinahe die Luft aus – da – nun, was stoppen Sie plötzlich? Wollen Sie mich wieder auf die Beine kommen lassen? Warum schlagen Sie nicht zu? Was horchen Sie denn so angestrengt? –

Ach so, – Sie hören plötzlich wieder ein vertrautes Geräusch? Freilich, freilich – Ihre Ohren trügen Sie nicht, – die Motore unseres U-Bootes arbeiten wieder, sehen Sie, wie der Tiefenmesser sinkt, – Maat, Maat – kommen Sie, Sie haben alles vortrefflich gemacht, mein Experiment ist vollständig geglückt, niemand hat meinen Trick durchschaut, – jawohl, meine Herren, was sehen Sie mich denn so entgeistert an? Dies alles, was Sie jetzt erlebt haben, war natürlich nur ein Scherz, freilich, ein sehr ernstgemeinter Scherz! Bitte, Maat, helfen Sie mir, meine verehrten Gäste losbinden. So, nun also! – Was, da kann man gleich wieder ganz anders atmen, Mr. Johnson?

Ihre vorwurfsvollen Blicke durchdolchen mich beinahe, seien Sie versichert meine Herren, Sie besitzen eigentlich kein Recht dazu! Denn ich fühle mich mit dem Ergebnis dieses Abenteuers sehr zufrieden: erinnern Sie sich doch bloß: beinahe täglich spielten Sie bisher mit dem Gedanken an den Tod, nun, da ich Ihnen das Sterben so unerwartet nahegebracht habe, haben Sie plötzlich den Wert des Lebens erkannt. Ich habe somit den einzig möglichen Weg gewählt, Sie aus nutzlosen Mitgliedern der menschlichen Gemeinschaft zu nützlichen zu machen. Von nun an werden Sie es sich überlegen, als »Lebenssatte« Ihre Tage zu verbringen, sondern lieber jeden Morgen dankbar begrüßen, der Sie neu ins Dasein zurückruft. Und die Schecks, die Sie mir so bereitwillig zur Verfügung stellten, mögen die Grundlage für Ihre geänderte Weltanschauung bilden. Es hat doch keiner der Herren etwas dagegen, wenn ich die drei Millionen Dollar tatsächlich behebe und sie in Ihrer aller Namen zur Begründung eines großen Spitals für unheilbar Erkrankte verwende?

Sehen Sie nur, meine Herren, wie rasch das U-Boot steigt! Oh, es besitzt wirklich eine vortreffliche Konstruktion! – Nur noch drei Minuten, und wir sind an der Oberfläche angelangt, in längstens einer halben Stunde laufen wir in den Hafen ein. Ehe wir scheiden, hoffe ich, wollen wir wieder ebenso gute Freunde werden wie wir es vor dieser Panik in meinem U-Boot waren. Darauf erhebe ich das letzte Glas Champagner, das uns noch zur Verfügung steht, meine Herren, – hurrah!!«

 


 

Robert Anton
Der schöne Kopf

Er war zu lang, wußte niemals, was er mit seinen dünnen Armen und Beinen machen sollte und stieß außerdem mit der Zunge an. Aber er wollte zum Theater. Wollte es mit der Inbrunst, die nur die unerfüllbaren Wünsche haben. Wahrscheinlich deshalb, weil sein Kopf so wunderbar schön war. Ja, das war er. Unter hoher gewölbter Stirne samtige dunkle Augen, die Nase schmal, gerade, griechisch und die lächelnden, ewig kußbereiten Lippen eines jungen Gottes.

Aber wenn er einem Theaterdirektor etwas vorsprach, so warf ihn der schon nach den ersten Worten hinaus.

Er saß im Filmkaffeehaus und der Ober sah ihn böse an, weil er den Mokka von der Vorwoche noch nicht bezahlt hatte. Ein Filmregisseur, der vorbeikam, bemerkte den schönen Kopf und bestellte den jungen Mann ins Atelier. Aber es war nichts zu wollen. Der Unglückliche konnte nicht gehen und nicht stehen, und wenn er »Spielen« sollte, so machte er bloß unglückliche Schwimmtempi. Der Regisseur brüllte, die anderen Darsteller lachten.

»Unmöglicher Mensch!«

Er schrieb Adressen, um Geld zu verdienen.

Er putzte Stiefel an einer Straßenecke. Mädchen, deren Blick sich in seinem herrlichen, samtdunklen Auge verfing, gingen langsamer. Stellten ihre kleinen Füße auf das Putzbrett. Er bürstete die Schuhe, steckte das Geld ein und verstand nicht. Seine Sehnsucht wies ganz wo anders hin: zur Bühne.

Also gründete er, nachdem er Monate und Jahre lang gespart hatte, einen Verein, der den Zweck hatte, Dilettantenvorstellungen zu veranstalten. Aber als man bereits im Klaren war, welches Stück gespielt werden sollte, wurde der einstimmige Beschluß gefaßt: er müsse in der Kasse sitzen. Denn – eine junge Dame konstatierte es schonungslos – »Menschen mit Sprachfehlern gehören nicht auf die Bretter.«

Er war gekränkt und meldete seinen Austritt aus dem Verein.

Man nahm das zur Kenntnis. Er ging.

Er füllte, wie weiland Demosthenes, seinen Mund mit Kieselsteinen, und versuchte, da keine Meeresbrandung in der Nähe war, in der Hauptverkehrsstraße der Stadt seine Stimme trotz dieses nicht unbeträchtlichen Hindernisses ertönen zu lassen.

Da geschah es. Ein Auto stieß an ihn. Er fiel nieder, schluckte seine Kiesel und wurde außerdem überfahren.

Rettung. Spital. Exitus. Anatomie.

Ein Student, dem der schöne Kopf auffiel, wollte ihn einbalsamieren. Aber das war nicht erlaubt. Ein anderer schälte Haut und Muskeln ab, legte das Skelett kunstvoll bloß und nahm den schönen, regelmäßigen Totenkopf mit nach Hause.

Da stand er auf einem Wandbrett, wies hohläugig zwei Reihen Zähne, und die filia hospitalis schlug ein Kreuz, so oft sie die Bude betrat.

Dann brauchte der Student Geld. Der Schädel sollte versetzt werden. Aber im Leihamt wollte man ihn nicht nehmen. Ein Trödler kaufte ihn. Da lag er zwischen den verschiedensten alten Gerätschaften, bis ihn ein Theaterdirektor für seinen Fundus erstand.

Und jetzt mag es geschehen, daß vor andächtig lauschendem Saale, Hamlet, dunkel und bleich, den schönen Kopf, dessen ganzes Sehnen die weltbedeutenden Bretter waren, in der Hand hält und mit wehmütigem Tremolo spricht:

»Dies ist Yorricks Schädel!«

 


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